Artikel in Mein Oberkochen

Ein stolzes Jubiläum steht an: 180 Jahre Chorgesang in Oberkochen. Diese große Tradition ist Anlass für ein Jubiläumskonzert, zu dem die Chorfamilie am 20. Oktober in den Mühlensaal einlädt. „Geburtstagskind“ ist der Verein ChorVision. So nennt er sich seit dem Jahre 2010. Gegründet wurde er  1839 als Singverein. 1877 benannte er sich um in Sängerbund Oberkochen um. 1947 wurde ein Frauenchor ins Leben gerufen, der erste und älteste im Eugen-Jaekle-Gau, 1997 wurde der Junge Chor musica è gegründet.

Über die Anfänge ist wenig bekannt. Dass in Oberkochen bereits 1839 und nicht, wie  lange Zeit angenommen 1877, ein Singverein entstanden ist, geht aus dem Evangelischen Dekanatsarchiv hervor. Ernst Häußinger hatte diesen Irrtum 1958 aufklären können. Die erste Fahnenweihe des Vereins, der sich inzwischen Sängerbund nennt, ist 1882, verbunden mit einem Festzug, an dem zwölf Gastvereine mitwirken. 1893 erfolgt der Beitritt zum Schwäbischen Sängerbund und drei  Jahre später beteiligen sich die Oberkochener am großen deutschen Sängerfest in Stuttgart.

Sein 25-jähriges Bestehen begeht der Sängerbund aufgrund des irrtümlich angenommenen Gründungsjahrs 1903 in seinem Vereinslokal, dem Gasthaus „Hirsch“. An dem Geburtstags-Konzert wirkt der katholische Kirchenchor mit, der dem Verein freundschaftlich verbunden ist. Nachdem er sich 1913 noch erfolgreich am Sängerfest in Tübingen beteiligt hatte, werden der Aufschwung und das Vereinsleben ab 1914 durch die Mobilmachung und den Beginn des Ersten Weltkriegs empfindlich gestört und zum Erliegen gebracht.

Erst am 13. März 1919 findet wieder eine Generalversammlung im Gasthaus „Ochsen“ statt. Als Jahresprogramm werden eine Frühjahrfeier, ein Gartenfest sowie eine Herbst- und eine Weihnachtsfeier festgelegt. Außerdem macht der Verein einen Ausflug mit der „Härtsfeld-Schättere“. 1920 hat der Verein 55 aktive Sänger, zwei Jahre später schon 78 Aktive, zwei Ehrenmitglieder, zwei beitragsfreie und 102 passive Mitglieder.

Es geht voran mit dem Sängerbund: Man besucht mehrere große deutsche Sängerfeste und tritt dort zum Teil aktiv auf, so 1923 in Schwäbisch Gmünd, 1924 in Hannover, 1925 in Esslingen. 1928 geht es nach Wien zum großen deutschen Sängertreffen. Im Juli 1927 hat der Sängerbund selbst Grund zum Feiern: Er besteht nach der damaligen Rechnung 50 Jahre. Am großen Festzug nehmen 46 Vereine teil und die zweite Fahne, eine schöne und kostbare, wird geweiht. Sie ist bis heute die Vereinsfahne. Gegen Ende der 20er-Jahre entsteht wie in vielen anderen Gesangvereinen eine gute und sehr aktive Theatergruppe. Die Theater- und Operettenaufführungen, meist in der Weihnachtszeit, sind so erfolgreich, dass sie wegen des großen Interesses der Bevölkerung wiederholt werden müssen.

Bei der Generalversammlung am 21. Januar 1934 zählt der Verein 75 aktive Sänger. Der Vorsitzende, nun „Vereinsführer“ genannt, wird zwar gewählt, bedarf nun aber der Bestätigung „von oben“. Josef Schmid, seit 1921 im Amt, wird wiedergewählt. Obwohl er sich innerhalb des Vereins politischer Äußerungen enthält, ist er als bekannter und engagierter Demokrat den „neuen Herren“ auf dem Rathaus ein Dorn im Auge. Um ihn zu treffen, enthalten sie dem Verein den Zuschuss vor. Um dem Sängerbund nicht zu schaden, tritt Schmid schließlich zurück. Heinrich Grupp wird 1936 sein Nachfolger. Ein herausragendes Ereignis ist die Teilnahme von elf Sängern mit Vereinsfahne am zwölften Sängerbundfest vom 28. Juli bis 1. August 1937 in Breslau. Im Jahr darauf besuchen 30 Oberkochener Sänger das schwäbische Sängerfest in Stuttgart.

1939 beginnt der Zweite Weltkrieg und viele Sänger müssen zur Wehrmacht. Der Singstundenbetrieb ist zwar gestört. Man versucht aber, sich alle zwei Wochen zur Singstunde zu treffen. 1943 sind die ersten gefallenen Sänger zu beklagen und der Verein beteiligt sich an den Trauergottesdiensten.

1946 darf der „Vereinsführer“ wieder Vorsitzender heißen und am 9. März findet die erste Generalversammlung nach dem Krieg statt. Im darauffolgenden Januar steigt im voll besetzten und schön geschmückten Saal der „Bahnhofs-Restauration“ das erste Chor- und Orchesterkonzert mit Solisten. Im gleichen Jahr entsteht der Frauenchor, aber nicht alle Männer sind über diesen „Zuwachs“ erfreut, wie es in der Chronik heißt. Bei der Generalversammlung Anfang 1948 werden zwar mit Rosa Wunderle, Angela Seitz und Lisa Trittler erstmals drei Frauen in den Ausschuss gewählt. Der Antrag, sie als Aktive in den Verein aufzunehmen, wird jedoch abgelehnt. Es dauert  bis 1951, bis der Frauenchor nicht nur in den Verein aufgenommen, sondern auch den Frauen das gleiche Stimmrecht wie den Männern zugebilligt wird. 1995 ist es dann soweit: Mit Luitgard Meyer tritt erstmals eine Frau an die Spitze des Vereins.

Beim deutschen Sängerfest 1958 in Wien sind die 35 Sängerinnen und Sänger aus Oberkochen mit ihrer Vereinsfahne eine der stärksten Vertretungen des Ostalbgaus. 1961 überreicht der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke dem Sängerbund bei einer Feier in Augsburg die Zelterplakette.

Als Oberkochen 1968 zur Stadt erhoben wird, beteiligen sich die Chöre aktiv am Festakt und am Festabend. Der erste Bürgerball im Carl-Zeiss-Saal wird 1975 auf Anhieb ein Erfolg. 1979 ist der Sängerbund aus Anlass seines 140-jährigen Bestehens Gastgeber des Gauchorfestes, verbunden mit einen Kinder- und Jugendchortreffen.

Unter der neuen Dirigentin Roswitha Maul wird 1981 ein Kinder- und Jugendchor gegründet. 1987 feiert der Frauenchor mit einem Festkonzert sein 40-jähriges Bestehen. 1992 wird der Junge Chor gegründet, der sich zehn Jahre später „musica é“ nennt. 2003 folgt die Gründung des Kinderchors music kids. 2005 feiert Roswitha Maul ihr 25-Jahr-Jubiläum als Chorleiterin mit einem Konzert „Franz von Assisi – Szenen mit Gott“ unter Mitwirkung des Komponisten in der Peter-und-Pauls-Kirche in Oberkochen.

2010 wird der neue Name „ChorVision Oberkochen“ kreiert, mit dem sich der Verein auf die Zukunft ausrichten will. Roswitha Mail ist 30 Jahre Chorleiterin. Zwei Jahre später beendet sie ihre verdienstvolle Tätigkeit – länger war keiner ihrer Vorgänger im Amt - und übergibt den Dirigentenstab an Peter Waldenmaier. Im Jahr seines 175-jährigen Bestehens erhält der Verein eine besondere Auszeichnung: Die Landesregierung verleiht ihm die Konradin-Kreutzer-Tafel. Von der Oberkochener CDU erhält er außerdem den Förderpreis.

Im Jahr seines 180-jährigen Bestehens plant der Chor an Christi Himmelfahrt einen Besuch in der ungarischen Partnerstadt Mateszalka. Höhepunkt soll das Jubiläumskonzert am 20. Oktober im Mühlensaal werden. Auch weitere Veranstaltungen sind im Laufe des Jahres vorgesehen.

Text: Viktor Turad/Fotos: Thomas Siedler, privat